Schlechte Chefs und Geschäftsmodelle finden keine Mitarbeiter mehr

Von | 4. August 2022
Schlechter Chef schimpft.
Bild: Ashish_Choudhary / pixabay.de

Das Gejammer um Fachkräftemangel erreicht so langsam seinen Höhepunkt. Eigentlich wollte ich dazu nichts schreiben, weil ich sicherlich einigen Selbständigen damit vor den Kopf stoße. Aber ich ertrage es langsam nicht mehr.

Der Gipfel der Frechheit war für mich dann der Focus-Artikel, in dem ein Malermeister beklagt, dass er keine Auszubildende findet und wenn doch, dass sie nicht bei ihm bleiben.

Dort wird er zitiert mit den Worten: „Du hast nur noch Dachlatten hier auf dem Markt.“ Vorher lässt er sich über die Arbeitsmoral der Jugendlichen aus und denkt, nur noch in seiner Generation (der Kerl ist 33) gibt es noch richtige Arbeitsmoral.

Einfach nur lol. Ich bin 34 und über uns wurde auch gesagt, wir haben keine Arbeitsmoral. Mal ganz ehrlich, wer will bei dir Unsympath arbeiten? Allein an den Aussagen merkt man doch, dass du ein beschissener Chef bist. Vom absolut proletenhaften Auftreten im Bild ganz zu schweigen.

Wochen zuvor hat der Europaparkchef öffentlich, ebenfalls bei Focus Online gesagt: „Da kommen 25-Jährige und wollen nur drei Tage arbeiten – dabei haben die das ganze Leben noch vor sich, könnten hier etwas werden, Verantwortung übernehmen, Karriere machen“.

Da frage ich mich, ob er noch ganz knusper ist? Er betreibt einen Freizeitpark mit lauter Billiglöhnern. Wo genau soll hier die Karriereperspektive sein? Vom Pommesverkäufer zum Knopfdrücker in der Achterbahn? Wie kann man so verblendet sein? Niemand macht das, weil er schon immer davon geträumt hat, die Achterbahnen im Europapark zu starten.

Fachkräftemangel war abzusehen

Wer sich unsere demografische Kurve angesehen hat, wusste, was auf uns zukommt. Darauf eingestellt hat sich offensichtlich niemand.

Die goldene Zeit der 70er, wo man seine Stellen locker flockig besetzen konnte, sind vorbei. Vor allem in Bereichen, die unattraktiv sind.

Hat schon mal jemand am Bau, in der Gastro oder am Band gearbeitet? Wer da nicht arbeiten muss, macht das auch nicht.

Die Arbeitsatmosphäre ist absolut beschissen und meistens werden die Stellen schlecht bezahlt. Azubis bekommen weniger Gehalt als eine Monatsmiete in einer Großstadt kostet. Dann wird auch noch erwartet, dass sie alles können und schlecht bis gar nicht angelernt.

Das soll aber nicht heißen, dass es in meiner Branche keine schwarzen Schafe gibt. Die gibt es und die haben ebenfalls das Problem Mitarbeiter zu finden und zu halten. Was mir meine Praktikanten teilweise erzählen, wie in anderen Betrieben mit ihnen umgegangen wurde, ist schon abenteuerlich.

Keiner lässt sich ausbeuten, wenn er nicht muss

Ja, der Arbeitsmarkt hat sich gewandelt. Die jungen Leute lassen sich nicht mehr alles gefallen. Das liegt zum einen daran, dass sie im Schnitt schulisch besser gebildet sind. Wenn ich programmieren kann und 4.600 € im Monat verdienen kann, warum sollte ich mich für 2.800 € im Handwerk rumplagen? Vor allem, wenn ich wie menschlicher Abschaum behandelt werde?

Zum anderen haben, diejenigen, die nicht die Möglichkeit haben, gemütliche Bürojobs wahrzunehmen, nun eine viel größere Auswahl an Stellen. Wer jetzt eins und eins zusammenzählt, wird auf die Idee kommen, dass ich dann meine Stelle attraktiver gestalten und meine Rekrutierungsbemühungen intensivieren muss.

Oder man kann natürlich allen anderen die Schuld geben und sich bei einem Focus-Online-Redakteur ausweinen.

Wie komme ich an Bewerber?

Ich habe auch kein Patentrezept. Aber die Grundlage muss aus meiner Sicht zumindest ein halbwegs vernünftiges Mindset bei den Führungskräften sein. Man muss sich zumindest in seine jungen Bewerber reinversetzen können und nicht ein großer Depp sein. Das strahlt auch auf die restliche Belegschaft aus.

Ein wichtiger Punkt ist für mich auch das Geschäftsmodell und die Arbeit an sich. Wenn ich jemanden, der mit Computern aufgewachsen ist, eine Arbeit gebe, die ich schon längst automatisieren oder digitalisieren hätte können, dann hat derjenige zurecht kein Verständnis dafür, Bullshitjobs zu erledigen.

Ich hatte jetzt schon rund 40 Praktikantinnen und Praktikanten. Und bis jetzt hat sich noch niemand großartig beschwert. Ich bin auch noch mit einigen in Kontakt und hätte die Begabtesten locker übernehmen können, wenn ich nicht so ein beschissener Vertriebler wäre 😀 Mein aktueller Werkstudent war vorher auch schon Schülerpraktikant bei mir.

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Die Betriebe, die ich mir ein wenig zum Vorbild nehme, haben diese Probleme auch eher selten. Einige von den Betrieben und Selbständigen, die ich menschlich auch für in Ordnung halte, meckern quasi nie, dass sie keine Fachkräfte finden. Da sind auch Hotels dabei lieber Europapark-Chef. Wohingegen ich auch ein, zwei Choleriker kenne, die ähnlich wie der Malermeister zu Beginn, eine hohe Mitarbeiterfluktuation besitzen.

Viele Selbständige scheuen die Arbeit, Schülerpraktikanten anzulernen und in den Betrieb einzubeziehen. Die Arbeit lohnt sich jedoch. Meiner Erfahrung nach, würden circa 3 von 10, die bei mir Praktikum machen auch zu meinem Betrieb passen und umgekehrt. Im Jahr bekomme ich von der Fachoberschule vier Praktikanten zur Verfügung gestellt. Ich könnte also eine Ausbildungsstelle locker nur mit meinen Praktikanten besetzen.

Sehr gute Erfahrungen habe ich auch mit Werkstudenten und -Studentinnen gemacht. Natürlich muss man ihnen ein paar Wochen oder Monate geben, bis sie sich einarbeiten. Aber dann habe ich stets von ihrer Arbeit profitiert. Wenn ich es finanziell stemmen hätte können, hätte ich sie auch nach ihrem Studium weiter beschäftigen können.

In der Gastro und im Handwerk würde ich vermutlich noch zusätzlich viel mit Ferienarbeitern arbeiten. Auch hier kann man bestimmt die ein oder andere Arbeitskraft für eine Ausbildung akquirieren.

Sei kreativ, menschlich und gib deinen Angestellten das Gefühl, dass auch du für sie in die Bresche springen würdest. Dann klappt es sicher auch mit dem Nachwuchs. Ansonsten ist es ehrlich gesagt auch kein Verlust für die Gesellschaft, wenn dein Betrieb nicht überlebt. Als Selbständiger sollte man auch immer den Anspruch haben, die Welt ein kleines Stück besser zu machen, finde ich.


Robert von Plötzlich-Selbständig.de Schwarz/Weiß Bild

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2 Gedanken zu „Schlechte Chefs und Geschäftsmodelle finden keine Mitarbeiter mehr

  1. Monika

    Hallo, Danke für das ehrliche Feedback auf das Thema „Fachkräftemangel“. Das ist aber auch nur eine Seite der Medaille, es ist aber auch so, das junge Azubis bzw. Bewerber_innen zum Teil einfach nicht in der Lage sind, eine Ausbildung zu beginnen. Aus meinem persönlichen Umfeld kann ich das über Auszubildende in Büroberufen sagen.

    Das liegt an fachlichen Kompetenzen, die nicht vermittelt oder angeeignet wurden, wie mathematische Kenntnisse oder schlicht und ergreifend eine sichere Rechtschreibung und wenn das nicht funktioniert, die Kreativität eine „Rechtschreibprüfung“ zu nutzen.

    Die andere soziale Fähigkeit, pünktlich zu kommen, das Smartphone in der Tasche zu lassen oder überhaupt zur Arbeitsstelle zu gelangen, kommt hinzu.

    Die Wahrheit liegt sicherlich wie immer, in der Mitte. Es gab und gibt genug Branchen und Arbeitgeber, die sich jahrelang keine Mühe gegeben haben, Angestellte und Auszubildende wertschätzend zu behandeln. Diejenigen, die nicht mit der Zeit gehen, werden aussterben, andere werden Nachwuchs finden.

    Antworten
    1. Robert Beitragsautor

      Hallo Monika,
      danke für dein Feedback.

      Ich denke, diese Leute hat es früher auch gegeben und sind heute nicht mehr. Die landen dann halt oft in Jobs, für die man gar keine Qualifikation braucht oder eben auf der Couch.
      Deshalb ist das mit den Werkstudentenstellen, Praktikas und Ferienjobs denke ich vor allem für KMUs die beste Möglichkeit Nachwuchs zu finden. Weil man schon sieht, ob man auf einer Wellenlänge ist. Aber wenn man als AG eben unattraktiv ist, kommen die Guten nicht zu dir.

      Und bei mir hängen die auch alle am Smartphone rum. Solange die Arbeit nicht darunter leidet, interessiert es mich nicht.

      Antworten

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