Olympia & Selbständigkeit: Scheitern verboten, Erfolg haben auch

By | 15. August 2016

Gescheitert bei Olympia? Oder doch perfekt vermarktet? By JTSchaube (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Gescheitert bei Olympia? Oder doch perfekt vermarktet? By JTSchaube (Own work) [CC BY-SA 4.0], via Wikimedia Commons

Der erfolgreiche Diskuswerfer Robert Harting ist den meisten Sportinteressierten ein Begriff. Nicht nur durch seine Erfolge, sondern auch durch seine sportpolitischen Statements erfährt er immer wieder mediale Aufmerksamkeit. Dass er einen jüngeren Bruder hat, wussten die Wenigsten. Ich ehrlich gesagt bis vorgestern auch nicht. Doch in wenigen Minuten manövrierte sich Christoph Harting vom No Name zum Hassobjekt in den sozialen Medien.

Dieser 25 Jährige hat buchstäbliche einen rausgehauen und sich Gold in Rio gesichert. Was anschließend passierte, löste einen riesigen Shitstorm aus. Erst zelebrierte er seinen Wurf mit Verbeugungen in alle Richtungen, dann kasperte er ein wenig auf dem Siegerpodest während der Nationalhymne herum. Anschließend verweigerte er den Handschlag gegenüber eines Journalisten und gab auch keine Interviews. Das Netz quittierte den Auftritt des Olympioniken folgendermaßen:

harting_kommentar2

harting_kommentar1

Bild anklicken für eine Vollansicht

Ja, sein Verhalten war gewöhnungsbedürftig. Aber der Junge hat gerade Gold für Deutschland geholt und wird von denjenigen gerügt, die den größten Nationalstolz besitzen. Hauptsächlich, weil er die deutsche Nationalhymne nicht ernst genommen hat. Der Aufschrei bei Michael Schumacher, als er mit seinen Zeigefingern bei der italienischen Hymne mitdirigierte, war allerdings nicht gerade groß.

Auch Sportler müssen sich vermarkten

By Ailura (Own work) [CC BY-SA 3.0 at], via Wikimedia Commons

By Ailura (Own work) [CC BY-SA 3.0 at], via Wikimedia Commons

Ähnlich wie Selbständige und Solopreneure müssen sich auch Sportler vermarkten. Denn von der Förderung, die Britta Kos dem Herrn Harting gerne entziehen würde, kann man sich nicht einmal die Miete in z.B. München leisten. Nun, Christoph Harting ist hauptamtlich bei der Bundeswehr angestellt, er hat den medialen Rummel, den er erzeugt hat nicht unbedingt nötig. Allerdings hat er sich trotzdem von total unbekannt über Nacht auf Platz 1 bei Google beim Suchbegriff „Harting“ geschoben. Und das obwohl sein Bruder Robert Harting ein richtiger Medienprofi ist und schon länger an seiner Sichtbarkeit arbeitet.

Das bringt mich zu den Hahner-Zwillingen, die ich wegen ihrer hervorragenden Social-Media-Arbeit schon eine ganze Zeit lang beobachte. Die beiden Marathonläuferinnen sind nicht wie viele andere Sportler beim Staat angestellt. Sie müssen sich selbst durch Preisgelder, Fördergelder und Sponsorengelder finanzieren.

Die Deutsche Sporthilfe unterstützt zum Beispiel aussichtsreiche Athleten auf dem Weg zur Olympiade. Hier erhalten die Athleten maximal 1.500€ im Monat. Jedoch nur die Allerbesten. Realistisch sin 400-800€ Förderung (mehr Infos). Da das Geld nicht vom Staat, sondern von Spendern und unternehmerischem Handeln stammt, verbietet es sich hier Kritik an den Summen zu äußern. (Wer bessere Ergebnisse 2020 in Tokio sehen möchte, darf dort gerne spenden)

Olympia_Foerderung_2016

Aber keiner, der Weltklasse in seinem Gebiet ist, würde sich mit solch lächerlichen Summen zufrieden geben. Unsere Olympioniken sollen aber noch dankbar sein und schön unter der Armutsgrenze Medaillen für unser Land herankarren. Das geht natürlich nicht und so müssen sich Randsportler so gut es geht in Szene setzen. Genau das machen die Hahner-Zwillinge wie gesagt hervorragend. Neben dem Ausrüstervertrag mit Adidas bieten sie auf ihrer Homepage eigene Trainingsprogramme inklusiver App an. Auch Motivationsvorträge kann man auf ihrer Seite buchen. Promotet wird das ganze unter anderem mit ihrem Facebook-Channel, der knapp 67.000 Likes besitzt.

Das war wohl auch einer der Gründe, wieso sie lieber gemeinsam medienwirksam ins Ziel eingelaufen sind, anstatt voll durchzuziehen um noch die ein oder andere Sekunde am Schluss herauszuholen. Anja Scherl, die beste Deutsche an diesem Tag, wurde durch diese Marketing-Inszenierung fast gar nicht medial beachtet.

Scheitern verboten, Erfolg haben verpönt

Das Schöne am Sport ist ja, dass man vieles auf andere Lebensbereiche übertragen kann. Natürlich auch auf die Selbständigkeit. So sind die Voraussetzungen als Randsportler (also alles außer Fußball und vllt. noch Handball) international erfolgreich zu sein genauso beschissen, wie als deutsches StartUp den Milliarden-Dollar-Exit zu schaffen. Die Förderstruktur und die Anerkennung in der Gesellschaft ist ähnlich schlecht.

Dass es bei uns noch immer keine Kultur des Scheiterns gibt ist keine große Überraschung. Man mag von der Person und seiner Partei halten was man will, aber Christian Lindner hat es in seiner spontanen Wutrede ganz gut auf den Punkt gebracht:

Im Falle eines Erfolges darf man sich hingegen nur stromlinienförmig verhalten, sonst könnte sich ja jemand auf den Schlips getreten fühlen.

Kritik ist erlaubt, Utopie nicht

Ich bin der letzte, der eine schlechte Leistung nicht kritisiert. Jedoch muss immer der Gesamtkontext betrachtet werden. Wenn es unsere Fußballer in Rio nicht ins Halbfinale schaffen, blieben sie meiner Meinung nach unter ihren Möglichkeiten. Wenn aber ein 400 Euro geförderter Olympiateilnehmer nicht Gold holt oder die internationale Bühne für seine Sponsoren nutzt, dann kann man das einfach nicht kritisieren. Da muss sich entweder gesellschaftlich etwas ändern und es muss ordentlich gefördert werden. Oder man lebt mit dem aktuellen Ergebnis.

Ähnliches gilt für Selbständige. Ich denke, wir sind uns alle einig, dass ein starker Mittelstand das Rückgrat unserer Wirtschaft ist. Und doch werden politisch und gesellschaftlich viele Steine in den Weg von Unternehmern gelegt, die enorm viel Kraft kosten ums sie aus dem Weg zu räumen. Über Nachwuchsmangel darf man sich in beiden Bereich nicht wundern.

Sportler, wie auch Selbständige setzen oft alles auf eine Karte, stecken im Privatleben zurück und nehmen finanzielle Einbußen in Kauf um irgendwann den großen Durchbruch zu schaffen. Wenn sie diesen schaffen, profitiert auch die Gesellschaft davon (Arbeitsplätze, Steuern, Gold fürs Land). Scheitern sie ist der Hohn und Spot groß. Deshalb finde ich den aktuellen Umgang mit Christoph Harting und den Hahner Zwillingen vermessen.

Ich würde mich freuen, wenn du meinen Newsletter abonnieren würdest. Dann verpasst du auch keinen interessanten Beitrag mehr.

Benachrichtige mich:



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.