Krankenkassenbeiträge in der Selbständigkeit nicht unterschätzen + Petition

By | 25. August 2017

Eine Krankenkassenkarte, die aus einem Geldbeutel herausschaut, der auf einer Tastatur liegt.

Wer sich selbständig machen möchte, hat viele Kosten auf dem Schirm. Den Posten, den viele vermutlich unterschätzen sind die viel zu unflexiblen Krankenkassenbeiträge. In diesem Punkt misst der Gesetzgeber nämlich mit zweierlei Maß. Während Arbeitnehmer nach ihrem tatsächlichen Einkommen ihre Abgaben entrichten müssen, wird bei Selbständigen einfach davon ausgegangen, dass sie einen gewissen Betrag verdienen.

2.231,25 Euro verdienst du als Selbständiger

Sobald du dich in Vollzeit dem Aufbau deines Unternehmen widmest, wird dir unterstellt, dass du mindestens 2.231,25 € im Monat verdienst. Egal ob du gerade noch an deinem Prototyp bastelst und deshalb quasi kein Einkommen besitzt oder du gar Minus machst, weil das halt als Unternehmer passieren kann.

Das hat vielleicht in einer Zeit funktioniert, als sich wirklich nur Leute selbständig gemacht haben, die es sich leisten konnten. In der aktuellen Arbeits- und Wirtschaftswelt in der täglich nach Innovationen und neuen Start-Ups regelrecht gebettelt wird, spiegelt die aktuelle Gesetzgebung allerdings nicht die Lebensrealität vieler Arbeitgeber von morgen wieder.

Wie hoch ist mein Krankenkassenbeitrag?

Als Unternehmer zahlst du in der gesetzlichen Krankenkasse den Arbeitgeber und den Arbeitnehmeranteil der Krankenversicherung (14,6% + 0,3-1,7% je nach KK)  und der Pflegeversicherung (2,8%). Soweit so gerecht. Während der Mindestbeitrag für Arbeitnehmern bei läppischen 83,25 € liegt, musst du als Selbständiger ca. 412,78 € berappen.

Natürlich gibt es hier Ausnahmen. Genauer gesagt gibt es Zwei.

Sozialer Härtefall

Es gibt den sogenannten sozialen Härtefall, dann beträgt die Bemessungsgrundlage 1.487,50 €. Dein Krankenkassenbeitrag beträgt dann ca. 270 €. Dieser wird eigentlich nur bei Leuten bewilligt, die gerade aus der Arbeitslosigkeit kommen oder einen Gründerzuschuss erhalten.

Nebenberuflich Selbständig

Bist du nebenberuflich selbständig, dann bist du über deinen Arbeitgeber versichert. Zusätzlich musst du den jeweiligen Prozentsatz der Krankenkasse abführen. Jedoch gibt es hier mit derzeit 991,67 € auch eine Mindestbemessungsgrenze. Der Mindestbeitrag beträgt bei dieser Variante ca. 150€.

Mindestbemessungsgrenzen für Krankenkassenbeiträge

JahrHauptberuflich selbständigHauptberuflich selbständig / BeitragsminderungNebenberuflich selbständig
20172.231,25 €1.487,50 €991,67 €

Welche Tricks gibt es?

Bei so einem komplexen Gebilde wie die Krankenkassenbeiträge für Selbständige gibt es natürlich diverse Schlupflöcher, die je nach Situation sinnvoll, beziehungsweise weniger sinnvoll sind. Auch treibt es so manche Blüte, die eigentlich nicht im Sinne des Gesetzgebers sein kann.

Aber als Selbständiger ist das immer so eine Sache mit großem organisatorischen Aufwand. In der Zeit, die du benötigst um deine Krankenkassenbeiträge um 100 € zu drücken, hättest du vielleicht schon Aufträge im Wert von 400 € annehmen können. Oder verkaufsfördernde Maßnahmen ergreifen können und und und.

Rede mit deiner Krankenkasse

Mein bester Tipp ist, dass du mit deiner Krankenkasse reden solltest. Ja, regelrecht nerven. Die haben nämlich schon Spielraum mit der Vergabe der oben genannten Mindestbemessungen. Da sie aber meist wie eine Behörde arbeiten, muss man schon den ein oder anderen Antrag ausfüllen und natürlich auch an den richtigen Sachbearbeiter kommen.

Als ich mich nach meinem Studium selbständig gemacht habe und nebenher noch im Fernstudium war konnte ich argumentieren, dass ich ja nur nebenberuflich selbständig bin. Bei der Einstufung sind die Grenzen nämlich recht willkürlich. Faustformel ist dass man nicht mehr als 18 h dafür aufwendet und weniger verdient als im Hauptjob.

Nun, nachdem ich mittlerweile mehr Zeit für Aufträge aufwende und schon drei Jahre vergangen sind, wurde ich Mitte diesen Jahres hochgestuft auf den Mindestbeitrag. Da dies ca. 40% meines derzeitigen Gewinns wären, hätte ich die Selbständigkeit wohl an den Nagel hängen können. Also habe ich, obwohl ich nicht aus der Arbeitslosigkeit komme und keine Förderung erhalte, einen Antrag auf eine niedrigere Bemessungsgrundlage gestellt. Mit Erfolg. Zwar sind die Beiträge für meinen Umsatz immer noch zu hoch, aber nicht mehr ganz so existenzgefährdend wie zuvor.

Da das Wechseln der Krankenkasse relativ einfach ist, kann man sicherlich mit Zeitaufwand eine Kulantere finden, wenn sich deine Kasse stur stellt. Ich bin derzeit bei der BARMER.

Lass dich anstellen

Du kannst dich auch von einer Firma bei der du Anteile hältst, deinem Geschäftspartner oder der Firma deines Ehegatten anstellen lassen. Dann musst du aber im Zweifel nachweisen können, dass du dort hauptberuflich tätig bist und dein Unternehmen nur nebenher betreibst. Dann kommst du mit beiden Mindestbemessungsgrenzen auf ~ 191,62 € (41,62 € + 150 €). Musst aber noch bei der Anstellung einkalkulieren, dass derjenige dann deinen Anteil zahlen muss und noch andere Versicherungen, die als Selbständiger wegfallen (zum Beispiel die Arbeitslosenversicherung).

Der Vorteil beruht hier eher weniger darauf, dass du enorm niedrigere Beiträge zahlst, sondern viel mehr, dass du wirklich nur einen prozentualen Anteil deiner Mehreinnahmen abgeben musst und nicht einfach angenommen wird, dass du den oben genannten Betrag verdienst.

Es soll auch Leute geben, die dann ihre (nebenberufliche) Selbständigkeit einfach nicht anzeigen. Hier ist natürlich das Risiko von immensen Nachzahlungen gegeben, was durchaus in der Privatinsolvenz enden kann.

Familienversicherung

Wenn du in einer Ehe lebst, der Ehegatte Vollzeit angestellt ist und deine Selbständigkeit weniger als 425 € im Monat einbringt und auch im Nebenerwerb ausgeführt wird, kannst du in der Familienversicherung bleiben. Das gilt auch, wenn du unter 23 Jahre bist und deine Eltern gesetzlich Familienversichert sind.

Prüfe ob du in die Künstlersozialkasse eintreten kannst

Wenn du in der Kreativbranche unterwegs bist, solltest du unbedingt prüfen, ob du die Voraussetzungen für die KSK erfüllst. Der Abgabesatz ist dort mit 4,8 % für 2017 und 4,2 % für 2018 deutlich geringer.

Da ich mich aber hier nicht auskenne, kann ich leider nur auf die Homepage der Kasse verweisen. Dort findet ich auch einen Reiter Voraussetzungen.

Ist die private Krankenversicherung eine Alternative?

Ich setze mich damit quasi immer auseinander, wenn ich den Beitrag überweise und ich mich ärgere, weil mein Konto schmilzt. Ich bin noch halbwegs jung, sportlich und gesund. Habe keine Allergien und noch nie eine ernste Krankheit gehabt. Meine Beiträge für die private Kasse wären lächerlich niedrig. Ich könnte auch einen hohen Selbstbehalt nehmen, ich gehe ja eh nie zum Arzt.

Doch was ist, wenn man wirklich mal schwer krank wird? Wenn man Kinder bekommt und die nicht bei dem Partner mitversichert werden können? Da opfert man möglicherweise seine finanzielle Zukunft um jetzt eine geringere Beitragslast zu haben. Diese Unsicherheit ist es mir einfach nicht wert.

Aber das müsst ihr für euch entscheiden. Grundsätzlich wird es Szenarien geben, in der die private Krankenversicherung Sinn ergibt.

Umsatzeinbrüche können dich in den Ruin treiben

Dein monatlicher Beitrag wird einmal im Jahr anhand des letzten Einkommensteuerbescheids festgelegt. Verdienst du glücklicherweise mehr als die Mindestbemessungsgrenze musst du natürlich auch mehr Abgaben zahlen. Soweit so fair. Nur wird das Beitragsrisiko komplett auf deiner Schulter verteilt. Zahlst du zu wenig, musst du im kommenden Jahr eine Nachzahlung leisten, zahlst du zu viel, hast du Pech gehabt.

Ein Schild auf dem Sorry Closed steht

Sagen wir mal du warst in der komfortablen Situation und hast im Monat die maximale Bemessungsgrenze von 4.350 € verdient. Dann wären deine Beiträge ungefähr bei 783 € im Monat. Hast du dann im darauffolgenden Jahr einen Umsatzeinbruch von 50 % weil große Auftraggeber wegfallen, dann zahlst du trotzdem diesen Beitrag. Bei sagen wir mal nur 2.000 € monatlichen Einnahmen, wäre das ein Beitragssatz von läppischen 39,15 %. Da du bisher zuviel gezahlte Beiträge nicht zurückerstattet bekommst, schaust du in die Röhre.

Wenn Umsatzeinbrüche drohen kannst du zum nächsten Monat eine Anpassung beantragen, brauchst dafür aber einen neuen Feststellungsbescheid der Einkommenssteuer als Nachweis. Das ist alles unnötige organisatorische Arbeit, die du als Selbständiger einkalkulieren musst. Oder halt Kosten, weil du deinen Steuerberater zusätzlich beauftragen musst.

Petition gegen diesen Irrsinn

Nächstes Jahr (2018) wird eine geringfügige Krankenkassenreform für Selbständige in Kraft treten. Zu viel gezahlte Krankenkassenbeiträge können dann am Ende des Jahres tatsächlich zurückverlangt werden. Müssen aber trotzdem erst einmal gezahlt werden.

Das hat eine schlecht kalkulierbare Finanzierungslücke bei Umsatzeinbruch zur Folge, die du dann gegebenenfalls mittels Krediten oder Bettelei in der Familie ausgleichen musst. Oder halt wegen so einem Schmarrn den Laden zusperrst.

Der Verband der Gründer und Selbständigen Deutschlands e.V (VGSD) setzt sich deshalb mit einer Petition für faire Bedingungen ein. Hauptforderung ist, dass die Mindestbemessungsgrenze genauso hoch ist wie bei Angestellten – Nämlich 450 €. Damit man wirklich nur den Beitrag zahlt, den man auch verdient, wie es sich gehört.

=> Zur Petition

Das wäre vor allem für Gründer fair.

Notiz am Rande

Während die Mindestgrenzen der Krankenkassenbeiträge von 2016 auf 2017 gestiegen sind, es also angenommen wird, dass man als Selbständiger noch mehr verdient, wurde im gleichen Atemzug der maximale Beitragssatz gesenkt. Solidarisch ist was anderes.

Am Besten ist also, du verdienst 10.000 € oder mehr im Monat, dann beträgt dein relativer Beitrag nur noch 7,8% oder weniger. Arm sein ist halt scheiße. Deal with it!

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